GemÖk²: gemeinsame gemeinsame Ökonomie

Mit dieser Initiative sollen Finanzkooperativen bzw. Gemeinsame-Ökonomiegruppen angeregt werden, nicht mehr nur für sich alleine, sondern mit anderen Gruppen zusammen zu wirtschaften. Ohne die bestehenden Gruppen dabei aufzulösen, sollen Spielräume erweitert und mehr Möglichkeiten geschaffen werden.

Diese Initiative richtet sich an Menschen

  • die ihr Einkommen in einen gemeinsamen Topf geben und den Inhalt nach individuellen Bedürfnissen neu verteilen. (Gemeinsame Ökonomie bzw. Finanzkooperative)

  • die entweder in einer Gruppe zusammen oder im eigenen Haushalt leben wollen

  • die eine zusammenlebende Gruppe verlassen wollen, ohne die gemeinsame Ökonomie zu verlieren

  • die einen einfacheren Anschluß an die gemeinsame Ökonomie suchen

  • die selbst eine gemeinsame Ökonomiegruppe gründen wollen

Kleine Finanzkooperativen haben häufig das Problem, dass beim Verlust einer einzigen Person die gemeinsame Ökonomie zusammenfällt. Darüber hinaus gibt es finanziell ertragsreichere Gruppen, aber auch solche, die in prekären Einkommensverhältnissen ihre Armut umverteilen. Abhängig auch von Bereitschaft und Möglichkeit in eine Ware-gegen-Geld-Beziehung nach Außen zu gehen.

In den meisten Fällen sind Menschen, die in einer Gruppe zusammengelebten und eine gemeinsame Ökonomie hatten, beim Verlassen der Gruppe dazu gezwungen, sich ganz konventionell zu vermarkten. Die AussteigerInnen haben dabei oft das Problem, dass sie insbesondere nach längerer Lebenszeit in der Gruppe, außerhalb keinen Platz finden, wo sie ihre Arbeitskraft verkaufen können. Das passiert vor allem dann, wenn sie ihr Leben auf Gruppenbedürfnisse und nicht auf Vermarktungsfähigkeit ausgerichtet hatten. Somit bleibt manchmal nur die Wahl, in der unerwünschten Gruppe zu bleiben oder in prekäre Einkommensverhältnisse abzugleiten. Diese Abhängigkeit von einer einzigen Gruppe verstärkt eine Enge, die Konflikte fördert.

Der Zusammenschluss mehrerer Gruppen zu einer gemök² soll unter anderem erleichtern:

  • den Wechsel des Lebensortes, ohne Komplettverlust des Lebenszusammenhangs, der gemeinsamen Ökonomie, der Gruppe

  • den Waren- und Dienstleistungstausch zwischen den Gruppen

  • die Auflösung der Trennung in „ärmere“ und „reichere“ Gruppen

  • das Kollektivieren von Vermögen

  • die Unabhängigkeit der gemeinschaftlichen Altersabsicherung von einer einzelnen Gruppe zu erlangen

  • die Erhöhung der politischen Relevanz und Wahrnehmbarkeit in der Gesellschaft

  • die Vergrößerung der Freiräume jenseits des Arbeitsverwertungszwangs

  • die Möglichkeit, neue Gemökgruppen zu gründen

  • eine Vielfalt an Gemökformen zu entwickeln und zuzulassen

Die Idee zur Umsetzung kann hier nicht beschrieben werden, weil sie stark von den beteiligten Gruppen abhängt. Sie hat sowieso im sich verändernden Prozess wahrscheinlich mehr Verwirklichungschancen als eine ins Detail vorgeplante Ausführung.

Menschen, die sich schon mit dem Thema auseinandergesetzt haben, kamen zu folgenden Gedanken, Anregungen, Ergebnissen:

  • Um Unsicherheiten und Ängste zu beachten, kann ein Zusammenschluss zeitlich begrenzt – und verlängert werden, wenns gut läuft.

  • Einstiegsmodelle können entwickelt und Versuche gestartet werden, die es erlauben, sich an eine gemök² heran zu wagen: Beispiel: alle Gruppen bezahlen alles auf ein gemök²Konto und jede Gruppe bekommt davon erst mal die gleiche Menge Geld pro Person. Dadurch kann jedeR sehen, ob genug für ihn/sie da ist. Oder: Jede Gruppe nimmt sich vorerst nur alles Geld, was zur Deckung der Alltagskosten nötig ist. Dadurch ist absehbarer, wie viel für einmalige größere Ausgaben da ist. Oder nur ein Teil des Einkommens jedeR Person kommt auf ein gemök²Konto, auf das alle Zugriff haben. Der Anteil kann wachsen, wenn alle mitkommen, bis zum kompletten Zusammenschluss. Usw….

  • Es macht Sinn, Experimente zu machen, zusammenzuwachsen, und zu spüren, was sich am besten anfühlt und funktioniert,

  • Eine Vernetzung gut funktionierender Gruppen, in denen entspannt mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgegangen wird (sie wurden Kuschelökonomien genannt) wird einfacher zu bewerkstelligen sein.

  • Periodische Treffen möglichst vieler Mitglieder (zu Beginn häufiger, später eventuell auch ein mal pro Jahr) erfüllen den Sinn, eine Anonymität zu verhindern und bei Bedarf vordiskutierte Veränderungen zu entscheiden.

  • Das Einbringen von Vermögen, kombiniert mit einer Altersabsicherung, kann vereinfacht werden, wenn auch eine Allmendenkooperative (siehe www.anavan.wordpress.com) existiert.

Finanzkooperativen und Gemeinsame Ökonomien in der neuen Dimension

Am letzten Oktoberwochenende 2010 trafen sich 30 Menschen in Kassel zu einem Austausch über die Erfahrungen, Probleme und Lösungsansätze in ihren Gemeinsamen Ökonomien und Finanzkooperativen. Großen Anklang fand die Idee, Gemeinsame Ökonomien von Finanzkoops, Kommunen und nicht-kommerziellen Zusammenschlüssen zu einer großen gemeinsamen Ökonomie zu verbinden: GemÖk hoch zwei – GemÖk². Die Entwicklung eines umsetzbaren Modells soll bald beginnen.

30 Menschen die sich kaum kennen, ein selbstverwalteter Veranstaltungsort und eineinhalb Tage Zusammenarbeit: die Feedbackrunde am Sonntag Nachmittag zeigte, dass viele der TeilnehmerInnen weit mehr positive Erlebnisse, Kontakte, Anregungen und Ergebnisse mit nach Hause nahmen als sie erwartet hatten. Schon die intensive Vorstellungsrunde am Samstag morgen zeigte, dass sich eine Vielzahl an sehr unterschiedlichen Finanzkooperativen und Gemeinsamen Ökonomien zum Vernetzungstreffen versammelt hatten. Da viele Finanzkoops und GemÖks ausschließlich im Privaten agieren und in der Öffentlichkeit wenig sichtbar sind, konnten viele neue Bekanntschaften gemacht werden.

Die Formen und Modelle, individuelle Einkünfte gemeinsam zu nutzen waren vielseitig: mal zwei, mal 80 Leute in einer Gruppe teilten sich nur ein Konto oder viele Einzelkonten. Manche Gruppen legten ihre Einkünfe zusammen um den Alltag zu bestreiten (Alltagsökonomie), einige auch Erbschaften, Rücklagen und Schulden (Vermögensökonomie). Menschen, die mit ihrer GemÖk in gemeinsamen Gebäuden wohnen, staunten über Praxen von Gruppen, deren Mitglieder in unterschiedlichen Regionen leben. Mit dabei waren auch BewohnerInnen der Kassler Kommunen, Personen aus Finanzkooperativen im Umbruch und Interessierte ohne aktuelle GemÖk-Gruppe.

Unterschiedliche Erfahrungshintergründe der TeilnehmerInnen zeigten sich bei den Arbeitsgruppen am Samstag. Sie diskutierten über Finanzkoop-übergreifende Altersvorsorgemodelle und unterschiedliche Möglichkeiten, Vermögen in die GemÖks einzubringen ohne die damit verbundenen Ängste zu ignorieren. Austausch gab es auch über die unterschiedlichen Erfahrungen im Umgang mit PartnerInnen, Kindern und Eltern, wenn sie finanzielle Verbindungen mit den Finanzkoops haben, aber nicht daran teilnehmen. Auch kleinen GemÖks wurde nochmal in der Arbeitsgruppe zum Thema „politisch Relevanz“ ihre Bedeutung durch die Vernetzung mit anderen Gruppen bewusster.

Gemeinsame Gemeinsame Ökonomie – GemGemÖk – GemÖk hoch zwei

Viel Energie wurde aufgebracht für konkrete Formen der Vernetzung. Ein sehr weitgehender Schritt dahin war die Idee einer finanziellen Vernetzung von Finanzkoops, Kommunen und ähnlichen solidarischen Wirtschaftsformen, genannt GemÖk². Durch die GemÖk², so die Hoffnung, entsteht mehr Sicherheit, Stabilität und Durchlässigkeit unter den ökonomischen Gruppen. Die Vorstellung, bei Verlassen der eigenen Bezugsgruppe nicht zwangsläufig aus der gemeinsamen Ökonomie, Alterssicherung und dem sozialen Netzwerk heraus zu fallen, faszinierte viele der Mitdiskutierenden. Dieses Modell könnte auch den Bedürfnissen unterschiedlicher Lebensphasen gerechter werden. Andere wiederum reizte, dass die politische Relevanz durch die stärkere Außenwahrnehmbarkeit erhöht werden könnte.

Bei der begonnenen Entwicklung des GemÖk²-Modells haben sich erste Kriterien und Bedürfnisse herauskristallisiert. Zum Beispiel war den TeilnehmerInnen wichtig, bisherige soziale Bezüge, wie die eigene Finanzkoop, Kommune usw. in der GemÖk² beibehalten zu können. Eine erste Idee war, in diesen bestehenden Bezügen – den sogenannten „Kuschelökonomien“ oder „Mögensökonomien“ – weiterhin die Alltagsökonomie zu regeln, auch wenn das Geld in eine große gemeinsame Kasse fließt. Die Frage der Vermögensökonomie blieb noch unkonkreter, zumal manche mitdiskutierende Gruppe bisher noch keine hatte. Es wurde jedoch deutlich, dass das Kollektivieren des eigenen Vermögens attraktiver wird, wenn es in einer größeren Gruppe organisiert ist. Das weiter zu entwickelnde Modell soll mit einfachen und durchschaubaren Regelwerken machbar sein, zusätzlichen sozialen Stress vermeiden und den Bisherigen in den „Kuschelökonomien“ verringern.

Einladung zur Weiterentwicklung von GemÖk²

Wir laden Euch ein, bei der Weiterentwicklung der GemÖk² mitzumachen. Wichtig ist uns dabei, dass Ihr entweder selbst in einer Form der Gemeinsamen Ökonomie lebt oder damit bereits länger Erfahrungen gesammelt habt. Bald werden wir die Projektentwicklungsgruppe GemÖk² bilden. Wir freuen uns auf den Austausch mit euch und darauf, diese aufregende Idee weiter voran zu treiben.